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Tracheotomie : Frage & Antwort

Wie verhilft man einem tracheotomierten Kind zur Stimmbildung?

Unser Sohn ist fast drei Jahre alt und seit ca. einem Jahr tracheotomiert. Er wird durch eine druckunterstützte Beatmung (Peep: 3) beatmet; im Schlaf durchgehend, tagsüber mit Unterbrechungen, in denen er ca. sechs Stunden spontan an der feuchten Nase atmet. Im Tracheostoma ist eine Portex-Einfachkanüle der Größe 6,0 ohne Cuff eingesetzt, die wenig Nebenluft bietet. Er wird enteral über eine PEG ernährt und erbricht manchmal. Er möchte sprechen, aber wir haben bis jetzt noch nicht die richtige Kanülenart gefunden, die ihm das ermöglicht. Wir hatten den Aufsatz von Passy-Muir probiert, dabei bekam er jedoch Panik durch das Gefühl der Atemnot.

Haben Sie Erfahrungswerte, welche Trachealkanüle sich zur Stimmbildung eignen würde und wie man das Kind ohne Panikattacken an eine solche gewöhnen kann?

Frage gestellt von
Beate Geißler

Antwort

Montag, 19. Juli 2004 15:21 Uhr

Bei einem tracheotomierten Kind fließt ein Großteil der Atemluft beim Ausatmen durch die Kanüle heraus und umgeht so die oberen Atemwege, wodurch die Fähigkeit zur Stimmbildung zunächst einmal stark beeinträchtigt oder sogar komplett unterbunden wird. Es gibt daher letztlich nur zwei Möglichkeiten, die Atemluft beim Ausatmen in die oberen Atemwege umzuleiten: An der Kanüle vorbei oder durch sie hindurch.

Folgerichtig ist die erste Option die Verwendung einer kleineren Trachealkanüle, deren Durchmesser gering genug ist, um bei der Ausamtung eine größere Menge Luft an der Kanüle vorbei in die oberen Atemwege fließen zu lassen. Leider ist der Einsatz kleinerer Trachealkanülen nicht bei allen Kindern möglich. Zunächst einmal ist der Durchmesser der Luftröhre von Säuglingen und Kleinkindern von sich aus bereits sehr gering, sodass eine ausreichende Atmung oft nur durch eine Kanüle in normaler Größe gewährleistet werden kann. Ein weiteres Problem ist, dass bei der maschinellen Beatmung oft zu viel Atemluft neben der kleineren Kanüle entweichen kann.

Abb.1: Eine gefensterte Kanüle mit Öffnungen in der Krümmung der Kanüle

Abb.1: Eine gefensterte Kanüle mit Öffnungen in der Krümmung der Kanüle

Die zweite Möglichkeit ist die Verwendung einer gefensterten Kanüle [ Abb. 1 ]. Wie Sie vielleicht bereits wissen, haben gefensterte Kanülen eine Reihe kleiner Öffnungen (die sogenannten Fensterungen) in der Krümmung der Kanüle. Hierdurch gelangt die Atemluft beim Ausatmen in die oberen Atemwege, wodurch eine Stimmbildung auch bei Kindern, deren Kanüle die Luftröhre vollständig ausfüllt, möglich werden kann.

Auch beim Einsatz gefensterter Kanülen ist eine Wiedererlangung der Stimmbildung jedoch leider nicht bei allen Kindern möglich, da es generell sehr schwierig ist, sicher zu stellen, dass die Fensterungen nicht an der Luftröhreninnenwand anliegen oder durch Granulationsgewebe blockiert werden und so der Luftstrom zu den Stimmritzen teilweise oder komplett unterbunden wird. Des Weiteren ist eine maschinelle Beatmung von Kindern mit einer gefensterten Kanüle nur möglich, wenn während der Beatmung eine Innenkanüle in die Kanüle eingesetzt wird.

Sowohl bei der Verwendung kleinerer Kanülen als auch bei gefensterten Kanülen ist es zunächst sehr wichtig, herauszufinden, ob die Luft beim Ausatmen tatsächlich in die oberen Atemwege gelangen kann. Am einfachsten geht das, indem man die Kanüle beim Ausatmen kurz mit einem Finger verschließt. Wenn das Kind nicht durch die oberen Atemwege ausatmen kann, nimmt man den Finger sofort wieder weg.

Abb.2: Sprechventil von Passy-Muir

Abb.2: Sprechventil von Passy-Muir

Nur wenn dieser Test erfolgreich verläuft, kann der Einsatz eines Sprechaufsatzes, wie z.B. des Sprechventils von Passy-Muir [ Abb. 2 ], erwogen werden. Bei einem Kind, das die Luft beim Ausatmen nicht an einer kleineren Kanüle vorbei oder durch die Öffnungen einer gefensterten Kanüle hindurch in die oberen Atemwege drücken kann, ist der Einsatz eines Sprechventils sinnlos und gefährlich. Es ist daher sehr wichtig, diese Versuche nur in enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden HNO-Arzt durchzuführen.

Jedes dieser Hilfsmittel zur Stimmbildungsunterstützung bedeutet für ein Kind eine Veränderung der Atemtechnik, da bei der Ausatmung ein Hindernis, die Trachealkanüle in der Luftröhre, überwunden werden muss. Es ist möglich, wenn nicht sogar wahrscheinlich, dass ein Kind diese Veränderung zunächst als unangenehm und störend empfinden wird.

Sie sollten daher beim Einsatz dieser Mittel dem Kind eine angemessene Eingewöhnungsphase einräumen und es zunächst täglich mit sehr kurzen Zeitspannen versuchen, die nur dann schrittweise verlängert werden, wenn das Kind gut damit zurechtkommt. Es ist leider auch denkbar, dass ein Kind den Einsatz eines dieser Hilfsmittel überhaupt nicht toleriert. Weitere Informationen zu diesem Thema finden Sie in den unten aufgeführten Links & Quellen.

Links & Quellen

Stiftung NOAH : Pflegeratgeber Tracheotomie — Verschiedenes | Wendepunkt : Ausgabe 3/2000 | Tracheostomy.com : Speech with a Trach

Kommentare

Donnerstag, 23. September 2004, 18:11 Uhr

Unsere Tochter (4 Jahre) wird permanent beatmet, da sie keinen eigenen Atemantrieb hat. Auch Sie kann nur mit Leckluft sprechen. Leckluft wiederspricht jedoch dem eigentlichen Ziel der ausreichenden Versorgung mit Sauerstoff. So kam für uns keine kleinere Kanüle nicht in Frage. Das "Sprechventil von Passy Muir" hat bei ihr nur im Liegen guten Erfolg. Auch sie signalisiert uns ob sie die Beatmung mit dem Ventil gut findet oder nicht. D.h. Nach ihren Wünschen nutzen wir das Ventil oder eben nicht. Wenn nämlich nicht genügend Leckluft entweichen kann, würde die Lunge überbläht. Das permanente Sprechen ist somit nicht immer möglich, aber auch die zeitweise Verbesserung der Sprachqualität (Lautstärke und Wortfrequenz) freut uns und unsere Tochter sehr. Durch die Erfahrung des Sprechens mit Tönen spricht unsere Tochter auch Worte ohne Ton, wenn keine Leckluft vorhanden ist. Dies ist eine echte Hilfe bei der nicht immer einfache Kommunikation mit ihr.

mfg Alexander

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